BASELITZ & DIE WENDIN: GEDENKEN AN DIE „TRÜMMERFRAUEN”

Vor kurzem besuchte ich „Artists Talks“, ein Programm der Fondation Beyeler und der Grossbank UBS, in dem international renommierte, zeitgenössische Künstler über ihre Arbeit sprechen. Der erste Talk in diesem Jahr fand an der Fondation Beyeler statt und war Georg Baselitz gewidmet. Dies waren meine vier persönlichen Highlights:

 

DIE LOCATION

Es war das erste Mal, dass ich die Fondation besuchte. Von Basel aus ist man schnell in Riehen,  nur etwa eine halbe Stunde mit der Tram. Der Bau wurde von Renzo Piano entworfen und fügt sich ideal in die Landschaft ein ohne aufdringlich zu wirken. Besonders die Wasserfläche mit den Seerosen am südlichen Teil bildet einen lieblichen Übergang zwischen innen und aussen: Nicht umsonst gilt die Fondation als eines der schönsten Museen weltweit.

ADIEU 

Die Retrospektive zeigt etwa 90 Gemälde und 12 Skulpturen von Baselitz aus den Jahren 1959 bis 2017 aus europäischen und amerikanischen Sammlungen. Besonders interessant war es, „Adieu“ zu erleben, es ist eines meiner Lieblingswerke von Baselitz. (Hier meine Top 10 Baselitz Werke).  Schon im Titel wird ein Gefühl wachsender Trennung widergespiegelt: „Einer von ihnen ist nur halb da, während der andere weggeht“ hat Baselitz einmal erläutert.

'Adieu', Georg Baselitz, 1982
„Adieu“ ist eines meiner Lieblingswerke.

In den späten 1960er Jahren hatte Baselitz damit begonnen, Figuren auf den Kopf zu stellen, und bestand darauf, dass sich der Betrachter eher auf die Linien und Marken des Gemäldes konzentrieren sollte, als auf die Ähnlichkeit mit der Realität. Laut Baselitz ist die Schachbrettform inspiriert von der Starterflagge eines Grand-Prix-Rennens, die damals in seiner Fantasie schwebte. 

DIE WENDIN 

Die von Martin Schwander in Kooperation mit Baselitz selbst wundervoll kuratierte Ausstellung beherbergt noch ein weiteres Highlight: „Die Wendin“. Baselitz begann 1979 Skulpturen zu schaffen. Die grob geschnitzte Holzskulptur „Die Wendin“ aus dem Jahr 1990 ist Teil der Serie „Dresdner Frauen”. Diese Skulptur ist Teil der UBS Art Collection.

Nicht nur die Skulptur und deren Herstellungstechnik als solche finde ich faszinierend. Sie entstand durch einen aggressiven Akt, bei dem die Frauen durch Kettensäge und Axt „verwundet werden“. Auch der Bezug zu den Trümmerfrauen ist bewegend: Der Titel des Werkes bezieht sich auf die komplette Zerstörung Dresdens gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und den anschliessenden Wiederaufbau der Stadt durch diese mutigen Dresdner Frauen. Sie schleppten schwere Steine, führten Schubkarren und sammelten Ziegel ein. Sie räumten die Trümmer von den Strassen und sortierten verwendbares Baumaterial. Bis zum heutigen Tage eine grossartige Leistung. 

 

DIE ZITATE

Georg Baselitz ist ein wirklich toller Redner und glänzte während des Artist Talks mit diversen pointierten Aussagen zu seinem Lebenswerk, von denen ich hier einige präsentiere:

„Es ist wichtig, zu verstehen und zu verstehen, was andere tun – ich höre zeitgenössische Musik und lese Literatur: derzeit Expressionismus.“

„Ich denke, meine Arbeiten erscheinen in der Retrospektive und im Beyeler-Gebäude sehr frisch, ich hatte Angst vor dem Gegenteil.“

„Edvard Munch ist eine Inspiration.“

Artist Talks: Kurator Martin Schwander mit Georg Baselitz
Artist Talks: Kurator Martin Schwander mit Georg Baselitz

„Ich habe keine Kompromisse gemacht. Von Anfang an sass ich in meinem Studio und dachte darüber nach, was mich weiterbringen wird.“

„Mein Onkel, protestantischer Pfarrer in Dresden, war ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber und führte mich in jungen Jahren durch Kunstmuseen und Ausstellungen. Dies prägte mich stark.“

„Die Polaroid Kamera befreite mich. Ich konnte Fotos von meiner Frau, der Natur machen und alles dokumentieren, ohne zum Fotografen gehen zu müssen.“

„Die Retrospektive von Pollock in Berlin hat mich fasziniert. Nach den 1960er Jahren und einer grauen Zeit in Berlin hat es mich fasziniert.“

Danke fürs Lesen

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