ANDY MEETS THOMAS HIRSCHHORN

Vor einigen Monaten traf ich im Engadin einen Schweizer Künstler, der mich inspiriert: Thomas Hirschhorn. 

Während deinem Vortrag bei den Engadin Art Talks 2019 hast du über Grace und Failure gesprochen. Was ist deine Erfahrung im Umgang mit Scheitern?

TH: Erfolg oder eben Misserfolg geht gleich mit Kunst machen. Wichtig ist, dass man Kunst jenseits von Erfolg und Misserfolg macht. Das heisst, wenn man anfängt Kunst zu machen muss man im Klaren sein, dass man Kunst machen würde, auch wenn man nie Erfolg hätte. Das ist eine wichtige erste Entscheidung. So ist es auch bei einzelnen Projekten, welche manchmal gelingen oder auch nicht gelingen. Was ich als Künstler gelernt habe ist nie total verloren, aber auch nie total gewonnen. Darum sind Erfolg und Misserfolg Dinge, die nichts zu tun haben mit Grazie – ich sage auf Deutsch: Grazie.

Wie gehst du mit Kritik um? Zum Beispiel am Anfang deiner Karriere, als du beschlossen hast: Ich bin jetzt Künstler, ich werde nur das machen.

TH: Das Problem ist nicht Künstler zu sein oder nicht. Das ist ein falsches Problem. Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie sind als Künstler geboren. Ich war immer eingeschüchtert von Menschen, die das behauptet haben. Und ich bin auch nicht in einer Familie aufgewachsen, in der Kunst eine Rolle gespielt hat. In diesem Sinne habe ich keine Ahnung gehabt, was Kunst ist und viel mehr Zeit gebraucht. Dann habe ich realisiert, dass es ein falsches Problem ist. Denn das wirkliche Problem – zumindest für mich – war: Was für eine Kunst machen? Was für eine Arbeit machen? Das ist das Problem, nicht ob ich Künstler bin oder nicht. Jeder kann Künstler sein, das wissen wir ja. Aber was für Kunst ich mache, das ist die Frage. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich dazu entschieden habe, meine Arbeit in die Kunstgeschichte zu stellen und mich auch mit den Besten zu messen.

Welches Werk hat deine erste Ausstellung geprägt?

TH: Das waren verschiedene Faktoren – Erlebnisse, Begegnungen und tatsächliche Kunstwerke, wie zum Beispiel die von Andy Warhol.

Welche Künstler inspirieren dich?

TH: Natürlich habe ich mich immer für Kunst interessiert und habe mich impliziert gefühlt; manchmal mehr, manchmal weniger. All das zusammen hat dazu geführt, dass ich eine Entscheidung gefällt habe. Man kann nicht sagen, dass es ein Werk ist oder eine Begegnung. Es ist eine Kumulation von Begegnungen und Menschen, die mich inspirieren.

Ich habe ein jüngeres Publikum aus Künstlern aus Zürich und weltweit. Was ist dein Rat für junge Künstler?

Ich ermutige jede Person, die Kunst machen will, über sich oder ihre Arbeit zu schreiben. Ganz von Anfang an macht das Sinn. Mir hat es geholfen, über meine Arbeit zu schreiben, selber zu reflektieren, selber zu behaupten und auch selber die eigenen Themen, also Begriffe zu erkennen – damit man nicht auf Begriffe reagiert, die rumflattern.

Was sind deine zukünftigen Projekte? Wo wirst du sie realisieren?

TH: Ich kann das sehr allgemein sagen. Ich will weiterhin im öffentlichen Raum arbeiten. Ich will aber auch, was ich aus dem öffentlichen Raum gelernt habe, die Präsenz und Produktion, weiter entwickeln. Ich will das auch in Museen oder Institutionen umsetzen: Präsenz zeigen und Produzieren. Das heisst: den öffentlichen Raum ins Museum zurückfahren, solche Projekte interessieren mich. Und dann habe noch viele andere Ausstellungsprojekte und freue mich und mache, was ich kann. Wenn ich eingeladen bin, dann mache ich mit, wo ich kann.

Welcher Ort inspiriert? Welche Musik und welches Getränk? Welche Kultureinflüsse inspirieren dich von deinen Reisen?

Kurzes Zögern.

TH: Als ich in Kanada war, letztes Jahr, und in Saskatoon und Saskatchewan und Kontakt hatte mit der First Nation, mit den Native Canadians, das fand ich wunderbar. Das war etwas Komplementäres, eine innere Bereicherung für mich.

Im Moment findet ein Umschwung mit Social Media statt, ein digitaler Wandel. Risiko oder Chance für das Kunstschaffen?

Es ist ein neues Medium, eine neue Möglichkeit, eine neue Öffnung mit allen Gefahren und Sackgassen. Es ist für mich an sich kein Risiko, diesen Weg zu benutzen, aber ich schaffe das nicht. Aber es ist nicht etwas, was die Lust Kunst zu machen wegnimmt.

Zum Schluss bitte ein Statement zu Warhol und seinem demokratischen Ansatz und der Idee, dass jeder die Chance hat, Kunst zu machen.

TH: Seine Arbeit ist überzeugend, sein Leben ist überzeugend, seine Schriften, seine Interviews. Andy Warhol war ein Künstler, der sich treu geblieben ist. Seiner ersten Liebe, der Illustration, ist er treu geblieben. Das ist etwas Wichtiges, auch für mich. Ich möchte meiner ersten Liebe treu bleiben. Das habe ich dank ihm realisiert. Es gibt Werke von Warhol, die mich in ihrer Direktheit und ihrer Offensive absolut beindruckt haben, wie etwa 129 Die in Jet!.

Warhol hat ja auch Installationen gemacht: die Silver Clouds.

Genau, ich bin ein Fan. Für mich ist er ein ganz wichtiger Künstler. Auch weil er durch seine Arbeit eine Art Popularität geschaffen hat. Das interessiert mich, darum ist er für mich ein Beispiel.

Herzlichen Dank, lieber Thomas

Thomas Hirschhorns «Robert-Walser-Skulptur»-Projekt. (Bild- Illustration Thomas Hirschhorn)

Andy meets Thomas Hirschhorn
Andy meets Thomas Hirschhorn

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Am 15. April startete die Crowdfunding-Kampagne «Robert-Walser-Skulptur». Ausstellungsdauer 15. Juni bis 15. September 2019.

Soeben erschienen ist «Robert Walser. Eine Ohrfeige und sonstiges», Thomas Hirschhorn und Reto Sorg. Mit einem Vorwort von Thomas Hirschhorn. Suhrkamp Taschenbuch 4884, 291 Seiten, 17,90 Fr., ISBN: 978-3-518-46884-5.

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