#EventTip: PRODUCING FUTURES – AN EXHIBITION ON POST CYBER – FEMINISMUS

Mary Maggic, Housewives Making Drugs, 2017, video still. Courtesy the artist
Mary Maggic, Housewives Making Drugs, 2017, video still. Courtesy the artist

16.02.–12.05.2019

Eröffnung: Freitag, 15. Februar 2019

Cao Fei, CĂ©cile B. Evans, Lynn Hershman Leeson, Juliana Huxtable, Guan Xiao, MALAXA, Mary Maggic, Shana Moulton, Tabita Rezaire, Gavin Rayna Russom, Frances Stark, Wu Tsang, Anna Uddenberg, VNS Matrix, Anicka Yi Mit der Gruppenausstellung Producing Futures – An Exhibition on Post-CyberFeminisms widmet sich das Migros Museum fĂŒr Gegenwartskunst den feministischen Anliegen der Post-Internet-Ära. Heute sind das virtuelle und das reale Leben beinahe untrennbar miteinander verbunden. Anders als von den Cyberfeminist*innen in den 1990er Jahren proklamiert, hat sich der Cyberspace nicht (nur) als Ort der Befreiung und ErmĂ€chtigung etabliert, sondern im gleichen Zuge auch bestehende Hierarchien und Machtstrukturen verstĂ€rkt. Die Ausstellung nimmt die historischen AnsprĂŒche und Visionen des Cyberfeminismus als Ausgangspunkt, um sie mit der aktuellen Situation in Beziehung zu setzen und zu fragen, ob die Ideen nach wie vor produktiv sein können. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht so die Auseinandersetzung mit verschiedenen feministischen AnsĂ€tzen, die sich auf die Spannung zwischen Körper und Technik sowie auf diskriminierende Geschlechternormen konzentrieren. Die KĂŒnstler*innen in der Ausstellung reflektieren und verfremden beispielsweise das Angebot verschiedenster Online-Plattformen, um die Grenzen zwischen virtuell und real, online und offline sowie zwischen den Geschlechtern weiter zu verwischen. Viele der Arbeiten verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der unter anderem (medizinische) Wissenschaften und das Okkulte in die Diskussion miteinbezieht, um eine lebenswerte Zukunft zu entwerfen, die von Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und sozialer Gleichheit charakterisiert ist.

Wie entkommt man gesellschaftlichen Strukturen, zu denen Sexismus, Rassismus und Klassismus gehören und die auf einer normativen Wissensbildung fussen, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint? Die US-amerikanische Biologin, Wissenschaftsphilosophin und Literaturwissenschaftlerin Donna Haraway schlĂ€gt als alternatives Modell der Wissensbildung die Strategie des SF vor. Die AbkĂŒrzung kann sowohl fĂŒr «ScienceFiction» als auch fĂŒr «spekulativen Feminismus» stehen und bezeichnet eine Praxis, fĂŒr welche das VerknĂŒpfen verschiedener Überlegungen, Fakten und Fiktionen kennzeichnend ist. Es ist eine Einladung zu gedanklichen Experimenten, in denen die Spekulation zu einer wertvollen BrutstĂ€tte neuer Zukunftsvisionen wird. Innerhalb dieser Gedankenwelt sieht sich auch die Ausstellung Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms. Die Ausstellung spĂŒrt mit VNS Matrix und Lynn Hershman Leeson, die bereits in den 1990er Jahren das Potenzial des Internets erforschten, den AnfĂ€ngen des Cyberfeminismus nach. Dass rund 30 Jahre spĂ€ter ein Umdenken dringender denn je nötig ist und wir uns nicht nur mit den persönlichen Daten, die wir im Internet teilen, sondern auch mit den endlosen Strömen von Bildern, welche gĂ€ngige (vielfach sexistische) Rollenklischees bedienen, bewusster auseinandersetzen mĂŒssen, ist ein Schwerpunkt der Ausstellung. Dieser scheint insbesondere in der Videoinstallation von Wu Tsang sowie den Skulpturen von Guan Xiao und Anna Uddenberg auf. Letztere konfrontiert uns dabei schonungslos mit dem vorherrschenden Frauenbild. Auch Gavin Rayna Russom scheint ĂŒberzeugt, dass ein Umdenken in Sachen individueller wie kollektiver Vorstellungen von Weiblichkeit notwendig ist, die sie mittels ihrer raumgreifenden Installation als offene, queere «gender identity» neu formiert. Ähnliches gilt auch fĂŒr Juliana Huxtable, die in ihrer Arbeiten nicht nur die Geschlechterdichotomien, sondern auch die Unterscheidung Mensch und Tier als ĂŒberholt erachtet. Dem Druck, welchen der permanente gesellschaftliche Perfektionsdrang auf uns ausĂŒbt, widmet sich mit ironischem Augenzwinkern Shana Moulton, wenn sie sich in ihrer Videoinstallation mit den eigenen Neurosen auseinandersetzt. Ihr «New Age Spiritualism» verbindet sie lose mit den ganzheitlich-heilenden AnsĂ€tzen von Tabita Rezaire und dem KĂŒnstlerduo MALAXA (Alicia Mersy und Tabita Rezaire). Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, in ihrer kĂŒnstlerischen Praxis das Verschweigen von gegenwĂ€rtigem wie vergangenem Unrecht zu thematisieren, um so Prozesse der Heilung zu initiieren. Anicka Yi visualisiert, wie sehr weibliche ErmĂ€chtigung sowie das Potenzial sich vernetzender Frauen auf heftige patriarchale Gegenwehr stossen kann. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind die neuesten Erkenntnisse in den Bereichen Biotechnik und Genetik. So werfen ihre Zeltskulpturen einen durch die Wissenschaft geprĂ€gten Blick auf feministische Anliegen und reflektieren gleichzeitig die normierende Macht der Wissenschaft und ihrer Vertreter*innen. Dem MachtgefĂ€lle zwischen Wissenschaftler*innen und Nichtwissenschaftler*innen hĂ€lt die KĂŒnstler*in Mary Maggic mit ihren Anleitungen zum «Östrogen-Hacking» eine Form von DIY-Wissenschaft entgegen. WĂ€hrend Maggic sich mit ihren Tutorials auf den physischen Raum und die Körper jenseits der Bildschirme bezieht, befragt die Videoarbeit von CĂ©cile B. Evans allgemein das Konzept der Körperlichkeit in Anbetracht der Tatsache, dass wir den Cyberspace mit einer Vielzahl digitaler Wesen teilen. Dass eine Auseinandersetzung mit dem Stellenwert von Körperlichkeit dabei Hand in Hand geht mit Überlegungen zu NĂ€he und Zuneigung, wird in den Videos von Cao Fei und Frances Stark deutlich. Sie stellen die QualitĂ€t des Internets als Experimentierfeld des Selbst heraus und legen offen, wie das Erleben der eigenen IdentitĂ€t sowie von IntimitĂ€t durch Online-Spiele und Chatroulette grundlegend verĂ€ndert wird. Geeint werden die verschiedenen kĂŒnstlerischen Positionen letztlich durch das gemeinsame Bestreben, Geschlecht und IdentitĂ€t als offene, performative und damit immer temporĂ€re Konstruktionen zu etablieren.

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