NEUER NORDEN ZÜRICH: 5 HIGHLIGHTS

Vor kurzem besuchte ich die Freiluft-Kunstausstellung «Neuer Norden Zürich». Im folgenden Blog-Post präsentiere ich fünf Highlights. Neuer Norden Zürich zeigt rund 40 Kunstwerke, die sich mit der Transformation und Entwicklung des städtischen Lebensraums befassen. Neben spezifischen lokalgeschichtlichen Aspekten, ist die Einhausung Schwamendingen und ihre Auswirkung auf die Quartiere das zentrale Thema der Ausstellung.

1.  FISCHLI / WEISS HOW TO WORK BETTER

Allmannstrasse 5 8050 Zürich

«Howtos», also Kurzanleitungen, die sich auf das Lösen eines eng begrenzten Problems beschränken, sind äusserst populär. Die ebenso liebevolle wie ironische Auslotung des Populären, die aus den zehn Regeln von How to Work Better spricht, gehört zu den wichtigsten künstlerischen Methoden von Peter Fischli und David Weiss. Was ebenso dazugehört, ist ihre Faszination für das am Wegrand gefundene und in den Kunstkontext transferierte Objekt. 1990/1991 stiess David Weiss in Thailand an der Fassade einer Keramikwerkstatt auf die zehn Regeln und fotografierte sie. Fischli pinnte die Handlungsanweisung für besseres Arbeiten später als Kopie an die Wand des Ateliers, wo sie den beiden Künstlern während Monaten Anlass dazu gab, sich mit den Man-tras gegenseitig auf die Schippe zu nehmen. Erst als das Architekturbüro Suter & Suter mit einem privaten Kunst-am-Bau-Auftrag an die Künstler gelangte, verwandelte sich das Kuriosum in eine seriöse Arbeit. Die zehn Merksätze von How to Work Better wurden 1991 auf die Fassade eines unscheinbaren Bürohauses in Oerlikon aufgetragen. Da das Gebäude direkt an der Pendlerstrecke Zürich/Winterthur liegt, ist das Werk wie ein gigantisches Billboard der öffentlichen Wahrnehmung ausgesetzt.

→Den Bezug zur thailändischen Keramikwerkstatt finde ich besonders toll! Ein weiteres Highlight des Künstlerduos ist «Haus».

2. ANNEMIE FONTANA SIRIUS

Tramwendeschlaufe Messe / Hallenstadion
Wallisellenstrasse 45
8050 Zürich
ANNEMIE FONTANA SIRIUS
ANNEMIE FONTANA SIRIUS

In den 1960er-Jahren wurde die Kunst mit dem Gebrauch von innovativen Materialien revolutioniert. Annemie Fontana (1925–2002, CH), ursprünglich als Couture-Schneiderin und Keramikerin ausgebildet und als freischaffende Künstlerin eine Autodidaktin, gehörte mit ihren Polyesterskulpturen zu den Trendsettern dieser Bewegung, in der sich die Verbindung von technischer und gestalterischer Innovation in einem besonderen Masse manifestiert. Dank industrieller Materialien und Technologien konnten damals vollkommen neuartige Formen gebaut und künstlerische Experimente gewagt werden. Vor allem die aufkommenden Kunst- und Schaumstoffe eröffneten neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Fontanas bekanntestes Werk stand fast 40 Jahre als Wahrzeichen auf dem Escher-Wyss-Platz, dem Verkehrsknotenpunkt des ehemaligen Industriequartiers. Die Wasserplastik Sirius erinnert an die technischen Meisterleistungen der hinter dem Escher-Wyss-Platz beheimateten Zürcher Maschinenindustrie. Die Polyesterskulptur wurde von 2008 bis 2012, im Rahmen der baulichen Sanierung des Escher-Wyss-Platzes, abgebaut und umfassend restauriert. Seit Anfang 2013 ist Sirius am neuen Standort in der Tramwendeschlaufe vor dem Hallenstadion in Oerlikon zu sehen.

→ Dieser Brunnen ist schon seit längerem ein Freiluft-Highlight für mich. Umso mehr freute ich mich, dass er Teil der Ausstellung ist.

 

3. HR GIGER GARTEN IN SEEBACH

HR GIGER GARTEN IN SEEBACH
HR GIGER GARTEN IN SEEBACH
Die Aliens des Schweizer Künstlers HR Giger (1940–2014) sind biomechanoide Monster in erotischen Kampfformationen mit metallisch glänzenden und ins Groteske verlängerten Rückenwirbeln. Giger studierte bis in die Mitte der 1960er-Jahre an der Zürcher Kunstgewerbeschule Innenarchitektur und Industriedesign. Weit über die Szene der Sci-Fi- und Nekro-Gemeinde hinaus machte ihn 1980 der Oscar für Ridley Scotts Alien (Beste visuelle Effekte) bekannt. Im perfektionierten Horror von Hollywoods Albtraumfabrik schien er sein ideales künstlerisches Medium gefunden zu haben. Denn Gigers Environments entspringen dem «Hang zum Gesamtkunstwerk» (Harald Szeemann). Dazu gehören neben Bildern, Underground- und Mainstream-Filmen, Skulpturen und Möbeln auch diverse Giger-Bars. Für Rock- und Punk-Musiker wie die Dead Kennedys oder Debbie Harry gestaltete er Plattencover. Und im friedlichen Gruyère (Kanton Freiburg) steht das Museum HR Giger als Wunderkammer eines gotischen Widergängers. Viele Jahre lebte und arbeitete er in Seebach, wo das Giger’sche Gesamtkunstwerk im Garten des Atelier-Wohnhauses weiterhin spürbar ist.

4. JOHN GIORNO WE GAVE A PARTY FOR THE GODS

Eisfeldstrasse/Grubenackerstrasse
8052 Zürich
JOHN GIORNO WE GAVE A PARTY FOR THE GODS
JOHN GIORNO WE GAVE A PARTY FOR THE GODS Courtesy of the artist & Galerie Eva Presenhuber, Zürich

Seit den späten 1950er-Jahren ist der Dichter, Künstler und Aktivist John Giorno (*1936, USA) aus der kulturellen Bohème von New York nicht wegzudenken. Im Umfeld von Andy Warhols Factory und der Beatnik-Literatenszene um Allen Ginsberg hat er ein eigenständiges Œuvre entwickelt, das sich als Synthese von Poesie, Performance und Kunst manifestiert. Inspiriert von der Popkultur, liess Giorno seine Tweet-artigen Gedichte bereits in den 1960er-Jahren auf T-Shirts drucken; und nach dem Motto «Dial-A-Poem» entwickelte er 1968 eine Gratis-Hotline für seine Poesie.

Die Popularisierung von kultureller Energie ist dem bekennenden Buddhisten ein Anliegen. In Neuer Norden Zürich zeigt John Giorno zwei Felsbrocken, in deren Oberfläche je ein Gedicht in Grossbuchstaben graviert wurde. Im Kontext von Schwamendingen und Oerlikon, wo sie in grünen Wiesen zu sehen ist, erzeugt Giornos Poesie neue Lesarten. Werden, Sein, Vergehen – das sind die grossen kosmologischen Themen, die sich auch in den von der baulichen und sozialen Transformation stark betroffenen Quartieren augenfällig abbilden.

→ Ein Highlight: Der Bezug zu Andy Warhol. Bekannt wurde Giorno durch den Experimentalfilm Sleep (1963/64) von Andy Warhol.

5. LAWRENCE WEINER BONDED TO THE POINT OF UNDERNEATH / VERBUNDEN BIS AM PUNKT VON UNTERHALB

LAWRENCE WEINER BONDED TO THE POINT OF UNDERNEATH
LAWRENCE WEINER BONDED TO THE POINT OF UNDERNEATH

Lawrence Weiner (*1942, USA) zählt zu den prägenden Figuren der Konzeptkunst, einer Bewegung, die Kunst primär als denkerischen Akt versteht. Für die Ausstellung Neuer Norden Zürich, die sich mit den städtebaulichen Veränderungen in Oerlikon, Seebach und Schwamendingen befasst, hat Weiner eine Intervention an einem Ort vorgeschlagen, der verkehrshistorisch bedeutsam ist: die Unterführung Saatlen, die einzige Strassenverbindung im von der Autobahn zweigeteilten Quartier Schwamendingen. BONDED TO THE POINT OF UNDERNEATH / VERBUNDEN BIS AM PUNKT VONUNTERHALB ist symmetrisch auf beiden Seiten der Unterführung angebracht und nimmt diesen Akt der Zweiteilung sprachlich auf, ohne ihn zu bewerten. Das überlässt der Künstler den Betrachtern.

 

Fotos: © Pierluigi Macor / Stadt Zürich KiöR («Neuer Norden Zürich»)

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