EINE REISE ZU ANDY WARHOL

In Medzilaborce erinnert ein Museum an den vielleicht berühmtesten Slowaken des 20. Jahrhunderts. Im rückständigen, ländlich geprägten Osten des Landes wirkt es wie aus der Zeit gefallen.

Von Ralf Höller

Der Zug fährt nur bis Krosno. Von hier muss ich wohl mit dem Bus weiter, heraus aus dem polnischen Karpatenvorland und hinauf auf den Duklapass. Und dann nach Medzilaborce. Lieber frage ich in der Touristeninformation noch einmal nach. Medzilaborce? Nie gehört, behauptet die junge Angestellte. Wo soll das liegen? 80 Kilometer von hier, eben mal über die Karpaten rüber. Ach so, meint sie, in der Slowakei! Und was gebe es dort Besonderes? Ich sage es ihr. Ja, ja, der Pop-Künstler. Andy Warhol sei ihr natürlich ein Begriff. Und der, fragt sie skeptisch, soll aus Medzilaborce kommen?

Der Zug fährt nur bis Krosno. Von hier muss ich wohl mit dem Bus weiter, heraus aus dem polnischen Karpatenvorland und hinauf auf den Duklapass. Und dann nach Medzilaborce. Lieber frage ich in der Touristeninformation noch einmal nach. Medzilaborce? Nie gehört, behauptet die junge Angestellte. Wo soll das liegen? 80 Kilometer von hier, eben mal über die Karpaten rüber. Ach so, meint sie, in der Slowakei! Und was gebe es dort Besonderes? Ich sage es ihr. Ja, ja, der Pop-Künstler. Andy Warhol sei ihr natürlich ein Begriff. Und der, fragt sie skeptisch, soll aus Medzilaborce kommen?

Medzilaborce
Grafik: cke

Ein altersschwacher Lada mit slowakischem Kennzeichen, bereits auf dem Rückweg, stoppt beim Anblick der Kartoffelsäcke. Dem Wagen entsteigt eine fünfköpfige Romafamilie. Während sich die Mutter und ihre beiden Kinder noch ein Eis gönnen, begeben sich die männlichen Erwachsenen zum Verkaufsstand. Ein Sack nach dem anderen landet im Kofferraum und auf den Fussmatten vorne und im Fond. Frau und Kinder quetschen sich hinten dazu, der Sozius winkelt die Füsse ans Armaturenbrett und packt sich noch eine Ladung Kartoffeln auf den Schoss. Für einen Anhalter wäre jetzt kein Platz mehr im Auto. Mächtig hängt der Lada durch, zwischen Fahrzeugboden und Strassenbelag passt keine Handbreit. Im ersten Gang quält sich der Motor vom schlaglöcherübersäten Parkplatz zur Teerstrasse; es dauert ewig, bis der Fahrer hochschalten kann.

Der Duklapass hat eine dunkle Geschichte

Ich beschliesse, zunächst einmal zu Fuss weiterzukommen. Es geht stetig bergab, nicht sehr steil, meist durch dichten Laubwald. Bald taucht am Wegrand das erste Denkmal auf. Von weitem sieht es aus wie der Turm einer Skisprungschanze, der man die Anlaufspur weggesägt hat. Allein an dieser Stelle, lese ich aus der Nähe, sind 565 tschechoslowakische Soldaten gefallen.

Der Dukla, hat mir mein Sitznachbar im Bus erzählt, war zu ČSSR-Zeiten ein Mythos. Strassen und Plätze wurden nach ihm benannt und ganze Fussballvereine, von denen Dukla Prag der bekannteste war. Ein bisschen viel Dukla für meinen Mitfahrer: Nach dem Fall des Kommunismus und der Sezession beider Teile der Tschechoslowakei habe die Duklaritis merklich nachgelassen.

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Davon ist hier oben wenig zu spüren. Allerdings war der Pass Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Neben zahlreichen einheimischen liessen 84 000 sowjetische Soldaten ihr Leben beim Versuch, die Slowakei von der deutschen Wehrmacht und dem Regime des Klerikalfaschisten Jozef Tiso zu befreien. Russische Soldatenfriedhöfe und Wracks sowjetischer T34-Panzer zeugen vom Opfergang der slawischen Brüder – und rufen den Slowaken ins Gedächtnis, wem sie letzten Endes ihre Befreiung zu verdanken hatten.

Holzkirchen prägen die Landschaft

In Nižný Komárnik, fast schon in der Ebene, wartet die erste Holzkirche. Die schwarzen Bretter und weissen Fensterrahmen bilden einen lebhaften Kontrast zum grünen Rasen, der sie umgibt. Ein Kaninchen hoppelt träge grasend darüber, bis es mich gewahr wird und sich in Sicherheit bringt. Drei bronzene Kuppeln thronen auf den holzgeschindelten Giebeln. Ein Blick durch eines der Fenster lässt die orthodoxe Ikonostase mit ihren blattgoldhinterlegten Heiligenbildchen erahnen. Doch die Tür bleibt verschlossen.

Die Holzkirchen sind typisch für die Ostslowakei. Ursprünglich orthodox, dienten sie der russinisch-ukrainischen Minderheit, bis der lange Arm Roms auch in den hintersten Winkel der Slowakei reichte und die pittoresken Heiligtümer als griechisch-katholische Gotteshäuser dem päpstlichen Machtbereich einverleibte.

Ich wende mich wieder der Strasse zu. Auch jetzt, am späten Nachmittag, ist sie kaum befahren. Ab und zu ein Auto, in den Ortschaften ein paar Fahrräder, einmal zockelt ein mit Heu beladenes Pferdefuhrwerk an mir vorbei. Mir fällt auf, dass die Stromleitungen nicht unter die Erde gelegt sind. Für die Natur ein Segen: Auf manchen Telefonmasten haben sich Störche einquartiert. Es gibt Nester, aus denen drei oder vier rote Schnäbel herausleuchten; bei der Flügelspannweite und Beinlänge der Vögel muss es darin recht eng zugehen.

Der polnische Regisseur Stanislaw Mucha hat Medzilaborce mit
seinem Dokumentarfilm «Absolut Warhola» ein cineastisches Denkmal gesetzt.

In den Dörfern, in Nižný Komárnik etwa oder in Krajná Pol’ana, kommen mir immer wieder Fussgänger entgegen. Die meisten scheinen Roma zu sein, oft sind sie in Gruppen unterwegs. Gemessenen Schritts, keineswegs streunend, ein festes Ziel im Blick, durchqueren sie die Dörfer, einen kleinen Handkarren mit sich führend, einen Korb oder auch nur einen Strick. Wieder andere sind bereits auf dem Rückweg. In ihren Körben haben sie Pilze gesammelt, manchmal auch Waldbeeren oder Himbeeren. Auf den Handkarren ist dürres Holz geschichtet, kostenloses Brennmaterial. Manche der Roma haben die Äste zusammengeknüpft und schleifen das Bündel hinter sich her. In der Ostslowakei ist es nachts selbst im fortgeschrittenen Frühling noch empfindlich kalt.

Kleiner Zwischenfall im Bus

In Bodružal nehme ich den Bus. Eine Viertelstunde bis Straškovce, dann muss ich umsteigen. Von hier aus geht’s direkt nach Medzilaborce. Vorher kommt es noch zu einer kleinen Verzögerung. Ein paar Roma haben sich um die Einstiegstür versammelt. Sie bedeuten dem Busfahrer, kurz zu warten. Einer steigt dann ein, mit Fahrrad, will aber nur den einfachen Preis bezahlen. Der Busfahrer schüttelt den Kopf. Die Tür öffnet sich wieder, der Drahtesel bleibt vorerst im Gang. Draussen entspannt sich eine lebhafte Diskussion. In den Taschen wird nach Münzen gekramt. Endlich ist das Geld zusammen, und die Fahrt kann weitergehen, mit dem Rom.

Medzilaborce hat knapp siebentausend Einwohner. Im dünn besiedelten Dreiländereck zwischen Polen, der Slowakei und der Ukraine ist das Städtchen schon ein kleines Zentrum. Stanislaw Mucha hat ihm mit seinem Dokumentarfilm Absolut Warhola ein cineastisches Denkmal gesetzt. Darin spürt der polnische Regisseur den Wurzeln des vielleicht berühmtesten aller Russinen nach. Irritierend ist für mich der Anfang des Films. Mucha fährt mit dem Auto herum, hält immer wieder an und fragt Passanten nach dem Weg: Wo, bitte, geht es hier nach Medzilaborce? Alle deuten in verschiedene Richtungen. Muchas Botschaft: Der Ort muss irgendwo im Nirgendwo liegen. Doch das ist Unsinn: Mucha ist nicht in Krosno, er ist im nordöstlichen Zipfel der Slowakei. Jede Strasse hier führt in die einzige Stadt im weiten Umkreis, und die ist nun mal Medzilaborce.

Warhol überall..
Warhol überall: Die Treppenstufen schmückt ein Blumenbild, auf dem Zwischenboden begrüsst den Besucher eine Pappfigur, an den Wänden hängen biografische Fotos. (Bild: Jan-Peter Boening / Laif)

Bei meiner Ankunft hat das Warhol-Museum geschlossen. Kein Wunder, denn es ist Montag, der Tag, an dem Besucher solcher Einrichtungen draussen bleiben müssen. Der Tag auch, an dem man sich einmal wie die Roma in Muchas Film fühlen darf. Ihnen wird der Zutritt angeblich nicht nur montags, sondern an allen übrigen Tagen der Woche verwehrt – mit der Begründung, sie könnten dort ganz leicht etwas klauen. So jedenfalls die Aussage des Museumsdirektors vor laufender Kamera.

Fürs Erste muss ich mit Warhols Statue vorliebnehmen. Sie steht, von einem Brunnen umsäumt, in dem kleinen Park abseits des Museums und wirkt so deplaciert, dass sie dem eigenwilligen, zuweilen auch verschrobenen Künstler wieder gerecht wird. Gegenüber vom Park befindet sich die einzige Unterkunft in der Ortsmitte, die Penzión Andy. Bis vor kurzem, sagte mir die Dame in der Touristeninformation, habe es noch Konkurrenz in Gestalt der Penzión Sport gegeben. Das Gebäude steht noch. Verriegelt, verrammelt und mit einem die Schliessung verkündenden zavřeno-Schild versehen, darf es nurmehr von aussen postsozialistischen Charme versprühen.

Weltweit zweitgrösster Bestand an Warhol-Originalen

Tags darauf ist das Museum geöffnet. Es ist ein sehr modernes Gebäude, das so gar nicht in die rückständige Gegend passen will. Der Eintritt scheint für Roma nicht länger verboten. Den Direktor aus Muchas Film gibt es auch nicht mehr. Eine Familie hat im Eingangsbereich, dort, wo noch kein Geld verlangt wird, Platz genommen und schaut ein Video über die Vermarktung von Warhols Erbe. Ein wenig Normalität ist also eingekehrt. Bis ein Rom den Direktorenposten übernimmt, dürften freilich noch ein paar Jahre ins Land ziehen.

Vier Euro kostet der Eintritt. Kein ganz billiges Vergnügen für einen Einheimischen. Gestern in der Bar hätte ich für dasselbe Geld vier halbe Liter trinken oder mir im Restaurant ein komplettes Menu leisten können. Doch beträgt der Mindestlohn in der Slowakei ganze 2 Euro 76, der niedrigste in der EU. Hinzu kommt, dass die meisten Mindestlohnempfänger in der Osthälfte des Landes zu Hause sind. Von den Roma, immerhin knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, hat nur jeder Fünfzehnte eine feste Stelle.

Bis ein Rom im Museum den Direktorenposten übernimmt, dürften noch ein paar Jahre ins Land ziehen.

Die Atmosphäre im Museum ist angenehm schläfrig. Zu dieser frühen Stunde sind gerade einmal eine Handvoll Besucher da. Vom Band dudelt Velvet Underground. Nicos Stimme leiert zu Sterling Morrisons Geschrammel, John Cale fiedelt mit der Geige dazwischen, und als Lou Reed das Licht zu sehen beginnt, ist mein Rundgang auch schon beendet. Siebzehn Originale habe ich gezählt, nach dem Museum von Pittsburgh weist dasjenige in Medzilaborce angeblich den zweitgrössten Bestand auf. Aufgehübscht wird die Sammlung durch plakative Konserven der Marke Campbell’s. In immer neuen Variationen ziehen sich die Dosen durch sämtliche Räume. Ich staune über die umfangreiche Produktpalette. Sie komplett zu verarbeiten, hätte es Warhol allein schon an Lebenszeit gefehlt.

Ein weiterer Eindruck bleibt haften: ein kränklicher Junge, Sohn armer russinischer Auswanderer, aufgewachsen in einer schäbigen Industriestadt im Osten der USA, inmitten einer noch hässlicheren Wirtschaftskrise. Wie schwer muss es für ihn gewesen sein, im Land der keineswegs unbegrenzten Möglichkeiten Fuss zu fassen? Schwerer als heute, frage ich mich, wenn ein Ostslowake seiner Heimat den Rücken kehrt und im heruntergekommenen Pittsburgh sein Glück versucht?


Andy Warhol Museum der Modernen Kunst, Medzilaborce, www.warholcity.com

Original erschienen 23.3.2018: NZZ

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