ENGADIN ART TALKS 2018: 5 HIGHLIGHTS

Am Wochenende des 27. und 28. Januar fanden die diesjährigen E.A.T./ Engadin Art Talks in Zuoz statt. Ich habe an den äusserst spannenden Gesprächen teilgenommen und möchte Euch im Folgenden meine Top 5 Highlights der Veranstaltung präsentieren.

1. DAS MOTTO: „SIDE COUNTRY SIDE“ 

Unter dem diesjährigen Motto „SIDE COUNTRY SIDE“ thematisierten Schweizer sowie Internationale Künstler, Architekten, Designer und Literaten „Land Art“-Projekte und Kunstwerke mit starker Anlehnung an Land, Bauten und Grossprojekte abgelegener Regionen. Analysiert wurden auch der Einfluss der Gentrifizierung auf das Landleben oder Umwelteinflüsse, wie Überschwemmungen oder Erdbeben, die auf Kunst- oder Architekturprojekte einwirken. Es wurde darüber diskutiert, ob das Leben und künstlerische Schaffen auf dem Lande ein neues Paradigma sei.

2. DIE TEILNEHMER

Ich möchte besonders die Reden der Künstlerin Claudia Comte sowie Bice Curiger, Kuratorin von E.A.T. und künstlerische Leiterin der Fondation Vincent van Gogh in Arles, hervorheben.

Claudia sprach von ihrer Kindheit in Grancy, im Jura Gebirge und wie diese Erfahrung ihre Werke beeinflusst. Ökologie, Videospiele sowie Cartoons nehmen dabei eine bedeutende Rolle ein: Als sie klein war, schaute sie sich Cartoons an und war davon derart geprägt, dass Alltagsobjekte (z. B. Besen, u. a. m.) zum Leben erweckt werden. Medium ihrer Werke sind Marmor sowie Holz. Aus Baumstämmen schafft sie eigenhändig, mit der Kettensäge, übergrosse Kakteen oder ihre bekannte Skulptur HAHAHA. Aus Marmor schleift sie Hasenohren oder entdeckt die Formen von Dinosaurierknochen, verborgen im Industriedesign. Dabei nimmt sie Bezug zum Abstrakten Expressionismus, zur Op-Art, Pop-Art oder Konkreten Kunst.

Besonders amüsant fand ich zudem Claudias Bezug zu Käse. Ihr Grossvater war nämlich Käsehersteller: Durch ihre bunten Fondue-Kunst-Experimente trägt Claudia ein Stück “Swissness” in die ganze Welt hinaus und belehrt andere Kulturen über das Schweizer Nationalgericht. 

Bice Curiger hingegen erzählte von ihren Erfahrungen in Arles und der dort ansässigen Fondation Vincent van Gogh. Der niederländische Maler schuf seine bekanntesten Werke in Arles, inspiriert vom Licht und der Hitze Südfrankreichs – und das in nur wenigen Monaten. Rund 200 seiner bekanntesten Werke stammen aus jener Zeit in Arles.

Ein besonders spannender Aspekt der Ausstellungen der Fondation bestand für mich in der Verknüpfung von Van Goghs Kunst mit zeitgenössischer Kunst, sowie der ausgiebige Austausch über das Thema „Van Gogh – Pre Pop”. Noch vor Warhols Zeit war Van Gogh ein begeisterter Sammler und scharfsinniger Kommentator des damals populären Bildmaterials: Seine Werke wurden von wichtigen Aspekten dieses Materials sowohl auf der Ebene der Form als auch auf der des Inhalts geprägt.

Brice zeigte Fotos des von Rafael Hefti erstellten Dachs der Fondation. Da es aus verschiedenfarbigen Glasteilen besteht, ergibt sich ein besonders spannendes Farb- und Lichtspektrum, das Van Gogh sicher gefallen hätte. So wie er mit seinem Duktus und dem pastosen Farbauftrag die Farben geradezu in ihre Einzelteile zerlegte, gelingt Hefti dies mit Hilfe von buntem Glas, Licht und Physik. Auch das Logo der Fondation, welches 2014 von Bertrand Lavier per Hand auf den Eingangsbereich gemalt worden war, ist zudem erwähnenswert. Es ergibt sich eine Symbiose der Signaturen zweier Künstler, die einfach ins Auge springt. Die Präsentation von Bice und das Bildmaterial über die Fondation war so packend, dass ich am liebsten sofort nach Arles gereist wäre, um mir selbst ein Bild der Fondation zu machen.

3. HANS-ULRICH OBRISTS BUCH MIT DAVID SHRIGLEY-MALEREIEN

Hans-Ulrich Obrist, einer der Leiter der E.A.T, stellte zum Anlass der diesjährigen Talks sein neues Buch „Somewhere Totally Else – A Globalized Mapping of the 2010s“ vor. Seit 2012 führt Hans-Ulrich Obrist eine wöchentliche Kolumne im „Magazin” des Tagesanzeigers. Das neue Buch, vorgestellt durch Finn Canonica, beinhaltet achtzig dieser Beiträge rund um die Themen „Rituals & Rules“, „Luminaries“ und „Today, Tomorrow, Time“. Auch beinhaltet das Buch Serien von Malereien des Künstlers David Shrigley, von dem ich selbst ein grosser Fan bin.

4. APÉRO BEI TSCHUDI

Der Besuch der Galerie gleicht einer Wanderung und Entdeckung: Das charakteristische 800 Jahre alte Engadiner Bauernhaus bietet mit seiner vielgestaltigen Typologie kleine und grosse Räume auf mehrere Stockwerke verteilt, genau passend für die unterschiedlichen Massstäbe der Kunstwerke, die hier ausgestellt werden.

Hans-Jörg Ruch, der Architekt der “Chesa Madalena”, erläuterte, wie er 2002 das ehemalige Bauernhaus in die Galerie, die sie heute ist, verwandelt hat: Der steinerne Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert in einer Ecke des Hauses wurde freigelegt, sodass beim Gang durch die Stockwerke die Mauern immer wieder sichtbar sind.

Kunstwerke wie Kimsoojas „Mandala: Zone of Zero, 2004–2010“ im Erdgeschoss, welches durch Zufall auch vor Kurzem erst in meinem Newsletter als Werk der Woche platziert wurde, sowie Su-Mei Tses „Gewisse Rahmenbedingungen“, haben mich besonders beeindruckt. Das Highlight der Galerie ist der Turm und die Aussicht über Zuoz.

5. NOT VITAL IN STALLA MADULAIN

Ein weiteres Highlight meiner Entdeckungsreise im Engadin war der Besuch bei der Galerie Stalla Madulain: Die einfach renovierte „Stalla” hatte viele Überraschungen zu bieten. Angefangen beim Künstler Not Vital selbst: Der Weltenbürger pendelt zwischen seinem Geburtsort Sent im Unterengadin, Rio de Janeiro und Peking und dennoch ist er seinen Wurzeln im Engadin treu geblieben.

Seine Ausstellung in der Stalla beherbergt Kunstwerke, wie eine faszinierende polierte Chromstahltreppeninstallation im Zwischenraum zwischen Stall und Nebenhaus sowie handgeschmiedete Silberboxen im mittleren Teil, dem eigentlichen Stall. Diese Boxen beziehen sich auf prägende Figuren des Bündner Hochtals und zwar auf den Künstler Alberto Giacometti, den Philosophen Friedrich Nietzsche sowie Gian Marchet Colani, eine lokale, historische Gestalt.  

Die Betrachter reflektieren sich in diesen und werden damit fast ein Teil der Bündner Geschichte.

Auch ich habe mich in diesen reflektiert und bin nun auch ein stolzer Teil dieser.

Danke fürs Lesen und bis bald

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